Farben in der Innenarchitektur sind wie die Musik im Film

Im Gespräch mit Marcella Wenger, Farbgestalterin HF, Dozentin FA und Leiterin der Vermittlungswerkstatt, Haus der Farbe in Zürich, geht es um die Fragen, wie Farben in der Innenarchitektur funktionieren, welche Einrichtungstrends zu erwarten sind und warum sich die Farbe Weiss nach wie vor in der Sanitärkeramik behauptet.

Frau Wenger, wie funktionieren Farben in der Innenarchitektur?

Die Farbe ist ein Mittel, um die Architektur zu bewegen, um das Starre zu dehnen. Wir können – indem wir zum Beispiel mit Licht- oder Schattenfarben arbeiten – etwas in die Nähe holen oder es in den Hintergrund rücken und damit einem Raum eine besondere Dynamik verleihen. Die Farben haben in der Innenarchitektur die Aufgabe, etwas einzubetten und die Gesamtheit zu bespielen.

 

Was gilt es beim Einsatz von Farben in Innenräumen – nebst individuellen Vorlieben – zu beachten?

Das Wichtigste ist, dass ein Raum im Gesamtkontext der Wohnung, des Gebäudes betrachtet wird. Wo befindet sich der Raum? In einer Loft mit urbanem Industrie-Charme? Oder in einem umgebauten «Heimetli» auf dem Land? Befindet er sich in einem Gebäude in einer historischen Kleinstadt oder in einer zeitgenössischen Wohnsiedlung? Bevor ich ein Haus betrete, nehme ich seine Erscheinung von aussen wahr. Dieses Erscheinungsbild weckt in mir eine Erwartungshaltung. Wenn ich diese Erwartung beim Betreten des Gebäudes nicht antreffe, werde ich im besten Fall positiv überrascht. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass meine Sinne überrumpelt werden, ist grösser. Unerwartetes ist höchst reizvoll, muss aber mit einer grossen Sorgfalt komponiert werden. Die Atmosphäre eines Raumes entsteht aber nicht allein durch Farben – Atmosphäre beruht auch auf dem Zusammenspiel aller Sinne, die uns berühren. Dabei denke ich an den Trittschall, an Gerüche und an die Haptik der Dinge.

 

Warum halten sich viele Bauherren bezüglich dunklen Wandfarben zurück?

Was bewirken dunkle Farben und wie werden sie am besten eingesetzt? Unsere Kultur ist davon geprägt, dass Helles positiv und Dunkels negativ ist. Helle Farben leuchten dem Betrachter entgegen, Dunkle ziehen sich von ihm zurück. Konkret ausgedrückt kommen in einem weiss gestrichenen Raum die Wände auf mich zu. Der Raum wirkt somit zwar hell, aber visuell kleiner. Dunkel gestrichene Räume hingegen wirken unendlich und weit. Weil wir aber die Quadratmeter, die wir bewohnen mit «Haben» verbinden und das auch zeigen wollen, setzen wir gerne helle Farben ein.

Welche Farben empfehlen Sie für kleine Bäder?

Tendenziell «all over». Das heisst nicht zu viele Unterbrüche und Kontraste zwischen Decke, Boden, Wand, Einrichtung und Accessoires einbringen. Wichtig und effektvoll sind Glanzpunkte. Glänzende Oberflächen widerspiegeln die Wände und die Decke, sie machen den Raum höher. Das Kleine an sich kann aber auch als besondere Qualität inszeniert werden.

 

Warum bleibt die Farbe Weiss für die Sanitärkeramik unangefochten die Nummer eins?

Weiss ist die Farbe der Hygiene und der Neutralität. Weiss vermittelt uns das Gefühl, sauber und rein zu sein. Weiss ist aber auch die Lieblingsfarbe der Kontrollfreaks. Weil man auf einem weissen Hintergrund jedes Haar und jede Verschmutzung sieht, oder man zumindest glaubt, sie zu sehen. Wobei gerne vergessen wird, dass es auch heller Schmutz, wie zum Beispiel graue Haare gibt. Die Farbe Weiss hat sich in der Baubranche als Standard etabliert. Unter anderem signalisiert sie, dass etwas fertig gestellt, der Neu- oder Umbau bezugsbereit ist.

Welche Neuerungen und Trends zeichnen sich in der Innenarchitektur ab?

Ich denke, dass sich das Analoge, das Sinnliche, Haptische, Detaillierte und die Suche nach der Wahrheit etablieren werden. Wir suchen das Handwerk, weil uns gutes Handwerk Geschichten erzählt und weil es ehrlich ist. Des Weiteren sehe ich einen Trend zu Effekten, Effektpigmenten und Opulenz im Sinne von Understatement. Ausserdem glaube ich, dass sich ausgeklügelte Funktionalität, die sich nicht nur auf Stromlinienform und Reinigungsfreundlichkeit beschränkt, sondern authentisches Material mit echtem Mehrwert darstellt, durchsetzen wird. Denn letztlich sollen unsere Sinne berührt und stimuliert werden.

 

MARCELLA WENGER-DI GABRIELE
Farbgestalterin HF, Dozentin FA, Leiterin der Vermittlungswerkstatt, Haus der Farbe, Zürich Als Farbgestalterin entwickelt Marcella Wenger-Di Gabriele mittels Farb- und Materialkonzeptionen zweckentsprechende Dienste für Architektinnen und Bauherren. Ihre persönliche Leidenschaft liegt in den Farben an sich und dem spielerischen Intervenieren in Räumen aufgrund poetischer Auslegung.

INFORMATIONEN ZUM HAUS DER FARBE, ZÜRICH
Das 1995 in Zürich gegründete Haus der Farbe ist ein weltweit einzigartiges, unabhängiges Institut für Farbe, Oberflächengestaltung und Handwerkskultur am Bau. Im speziellen fördert es die Gestaltungskompetenz im Handwerk, die Farbkompetenz in der Architektur und den Dialog am Bau. Es ist also nicht nur ein Ort des Lernens, des Austauschs und der Inspiration, sondern auch ein Ort, an dem praxisnah geforscht wird und an dem projektbezogen gestalterisch hochwertige Lösungen entwickelt werden. Das Haus der Farbe bietet als Fachschule für Gestaltung in Handwerk und Architektur drei Bildungsgänge an, die zu eidgenössisch anerkannten Abschlüssen in der beruflichen Weiterbildung führen: Farbgestaltung am Bau HF, Gestaltung im Handwerk FA und HFP. des Gegebenen.

 

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