«DESIGN IST MEHR ALS NUR EINE SCHÖNE HÜLLE»

Lesen Sie hier den spannenden Gastbeitrag von der Trendforscherin Joan Billing und dem Architekten Samuel Eberli von Design + Design.

Über Design und Kultur nehmen wir am schnellsten und am einfachsten unbewusste Informationen unserer sich ständig ändernden Gesellschaft auf. Sie wiederspiegeln den Zeitgeist unserer Gesellschaft mit ihren Sehnsüchten und Bedürfnissen. Sie zeigen uns spielerisch neue Lösungsansätze für die Zukunft auf und erleichtern den Zugang zu Innovationen. Design wird aber oft nur auf die äussere Hülle reduziert, und die dahinterstehenden Ideen und Innovationen werden vergessen. Doch bis aus einer Idee ein nachhaltiges und wertvolles Designobjekt entsteht, braucht es zahlreiche ineinanderfliessende Prozesse zwischen Menschen aus verschiedenen Sparten. Das macht Design interdisziplinär und aktueller denn je.

Ganz im Gegensatz zu unserer digitalen, globalisierten und schnelllebigen Zeit geht die Gesellschaftsentwicklung heute wieder zu nachhaltigen, wertigen und wertvollen Designobjekten zurück. Nachhaltigkeit, regionale Produktion und das Bewahren von handwerklichem Können sind seit der Globalisierung für uns ein zentrales Thema geworden, aber auch als Kontrast zur vorherrschenden «Sofortness». Diese Sehnsucht nach Beständigkeit und Ruhe löst die Suche nach unseren Wurzeln – Héritage aus. Handmanufakturen und handgefertigte Produkte schaffen dafür die Basis. Im Zuge dieser Renaissance von Handmanufakturen und der Entdeckung des Héritage setzt sich die neue Designgeneration mit lokalen Handwerkern zusammen, um so die alten Traditionen mit neuen Verfahren wieder aufleben zu lassen. Dabei kombiniert die heutige junge Designergeneration spielerisch traditionelle Herstellungsmethoden mit Hightech-Verfahren. Die Handmanufakturen helfen dabei die Hightech-Designprozesse neu zu überdenken und zu hinterfragen. Deswegen ist es zentral, dass Produzenten und Konsumenten sich dieses Kulturgut und Héritage nicht nur bewusst sind, diese weiterhin pflegen und ins 21. Jahrhundert retten, sondern auch nach aussen sichtbar und zugängig für die nächste Generation machen.

 

Grundlagenforschung zum Designerbe

Die Erforschung und Entdeckung unseres Héritage erlauben uns, Methoden und Themen aufzuspüren, die neue Impulse für die Zukunft vermitteln. Dabei stellen die Werke vergangener Schweizer Designprotagonisten faszinierende Wissensbestände dar. Sie beantworten Fragen materieller Eigenschaften und historischer Technologien, zeigen Lösungswege und Entwicklungen im jeweiligen sozialen und politischen Kontext auf. Sie verweisen auf Designprozesse, die uns Orientierung geben und uns ermöglichen, die Dinge neu zu verstehen und innovative Strategien zu entwickeln. Die wissenschaftlich-historische Analyse der Schweizer Designgeschichte hat aber erst begonnen und ist nur ansatzweise institutionalisiert. Dabei sollte dem Schweizer Design und den Werken vergangener Protagonisten als kulturelles Vermächtnis durchaus mehr Beachtung geschenkt werden. Es gibt zahlreiche Schweizer Designer, welche die Wohnkultur sowohl in der Schweiz wie auch im Ausland mitgeprägt haben, inzwischen aber in Vergessenheit geraten sind. Es wird Zeit, das Bewusstsein um dieses Erbe zu stärken, zu fördern und zu pflegen, denn im Schweizer Designerbe stecken zukunftsorientierte Themen und Methoden, die neu entdeckt und vermittelt werden sollen. Einer dieser vergangenen wichtigen Protagonisten der Schweizer Wohnkultur ist Hans Bellmann (1911–1990). Sein Wirken bewegte sich zwischen Architektur, Möbeln und Industrialdesign und beeinflusste die Wohnkultur von den 1940er- bis in die 1960er-Jahre massgebend mit. Seine Entwürfe entwickelte Hans Bellmann für Menschen, die ihre Wohnungen – während einer Zeit gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Umbruchs, gekennzeichnet durch Mobilität und Leben nach dem Krieg – mit praktischen Möbeln ausstatten wollten. Seine materialgerechten Konstruktionen setzten in ökonomischer und ökologischer Hinsicht neue Massstäbe und kamen mit gerade so wenig Material aus wie unbedingt nötig, was erst heute ein wirklich grosses Thema ist.

 

 

Prägendes Gedankengut des Bauhauses für die Schweiz

Seinen Weg begann Hans Bellmann mit dem Studium Anfang der 1930er-Jahre am Bauhaus Dessau und Berlin. Während seiner 14-jährigen Existenz stellte das Bauhaus zwischen 1919 und 1933 einen Meilenstein der Avantgarde der Klassischen Moderne auf den Gebieten der Architektur, der Kunst und des Designs dar. Sein Gedankengut prägte nicht nur das 20. Jahrhundert, sondern ist erst heute in unserer Gesellschaft richtig angekommen. Mies van der Rohe, Wassily Kandinsky, Hinnerk Scheper, Lilly Reich und Josef Albers waren unter anderem seine Meister am Bauhaus. Der Satz von Lilly Reich «Das Möbel ist Erziehung zum Millimeter» begleitete ihn ein Leben lang und beeinflusste seine Arbeitsweise und Lehrertätigkeit. Sicher waren auch seine persönlichen Erfahrungen entscheidend für seine Geisteshaltung und modernen Entwürfe. Er erlebte die Wirtschaftskrise und die Machtergreifung durch die Nationalsozialisten in Berlin sowie die Schliessung des Bauhauses hautnah mit. Das brachte ihn dazu, aus Protest seinen deutschen Pass abzugeben und eine Zeit lang staatenlos zu sein, bevor er Schweizer wurde. Sein Bauhaus-Diplom Nr. 115 war eines der letzten, die von Ludwig Mies van der Rohe und Ludwig Hilberseimer unterschrieben wurden. Nach seiner Mitarbeit im Architekturbüro von Mies van der Rohe in Berlin wechselte Bellmann in die Schweiz und begann seine Zusammenarbeit mit der Firma Wohnbedarf AG – dem in den 1940er-Jahren avantgardistischen Möbelgeschäft der Schweiz. Mit seinen modernen Holzmöbelentwürfen läutete er erfolgreich die Ablösung von den Stahlrohrmöbeln in den Schweizer Wohnlandschaften ein.

 

 

Das Schweizer Designerbe von Hans Bellmann

Ein weiterer Fixpunkt in seinem Gestaltungsprozess war der hohe Anspruch an Schönheit und Funktionalität der Objekte, ohne künstlerisch zu wirken. Während seiner fruchtbarsten Jahre entwarf er zahlreiche Gegenstände, die noch heute im kollektiven Gedächtnis der Schweiz fest verankert sind. So forschte er bereits in den 1950er-Jahren an neuen Materialien wie Kunststoff und Herstellungsmethoden für Schalenformen aus Polyester und Holz. Er entwarf europaweit den ersten Sessel, dessen Sitzschale aus industriell hergestelltem glasfaserverstärktem Polyester bestand. Dieser wurde mit der «Die Gute Form» von Max Bill ausgezeichnet. Allmählich wendete er sich auch erfolgreich den Industrieprodukten zu. Daraus entstanden unter anderem das Lavabo «Carina 5100» und die Sanitärarmatur arwa-therm, die als erste die Innovation eines druckunabhängigen Einhandmischers mit konstanter Wassertemperatur aufwies. Beim Lavabo «Carina» verzichtete Hans Bellmann sowohl auf den üppigen Glamour wie auch auf die Biederkeit anderer Sanitärapparate. Die Gesamterscheinung weist typische Merkmale eines Bellmann-Entwurfs auf und ist gleich anmutig wie sein Schalensessel. Für die knappen Umrisse verband er gekonnt Geraden und Kurven miteinander. Die so entstandene funktionelle Schüssel mit schlanken Rändern zeigt ein knappes Aussen- und doch ein geräumiges Innenvolumen. Stromtechnisch ist die Muschelform des Lavabos geschickt strukturiert. Die Aufprallgeräusche des Wasserstrahls werden vermieden und der nach innen überhängende Rand der Schüssel verhindert ein Überschwappen des Wassers. Seine Entwürfe erhielten mehrmals die Auszeichnung «Die Gute Form» des Schweizerischen Werkbundes. Genau wie das damalige meistverkaufte Lavabo «Carina», das noch heute in Schweizer Bergen und auf dem Land in diversen Häusern zu entdecken ist. Für diesen grossartigen Erfolg war natürlich auch die enge und gute Zusammenarbeit mit dem richtigen Produzenten ausschlaggebend. Hinter jedem erfolgreichen Designer steckt immer ein starker und weitsichtiger Produzent. Hans Bellmann war nicht nur bestrebt, die Wünsche eines damaligen neuen Wohnbedürfnisses zu erfüllen, sondern er gab seine umfangreichen Kenntnisse und sein vielseitiges Können über Bauen, Gestaltungs- und Designprozesse weiter. Er lehrte unter anderem an der Kunstgewerbeschule in Zürich und führte mit Johann Itten und Hans Fischli – beide Bauhausmeister – das Gedankengut des Bauhauses weiter. Er prägte damit in der Schweiz eine neue Generation von Gestaltern und Architekten mit und förderte das Verständnis modernen ökonomischen und ökologischen Entwerfens.

Es wird Zeit, das Bewusstsein um dieses wertvolle Erbe aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts verstärkt zu pflegen. Nicht nur weil es wichtig ist, die Vergangenheit zu kennen, um die Zukunft besser zu verstehen, sondern weil dieses Vermächtnis auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für das Land ist. Designobjekte sind mehr als nur Gegenstände, die uns im täglichen Leben begleiten. Als Zeugen einer historisch definierten Alltagskultur sind sie auch ein Schlüssel zur Zukunft. Somit schliesst sich der Kreis von der Vergangenheit zum heutigen Design und zu den gegenwärtigen Designschaffenden. Schliesslich versteht sich Designforschung als angewandte Disziplin wie das Design selbst.

 

DESIGN + DESIGN
Joan Billing und Samuel Eberli

Die Trendforscherin Joan Billing und der Architekt Samuel Eberli haben ihre Leidenschaft für das Schweizer Designerbe zum Beruf gemacht und «Design+Design» gegründet. Jährlich im November kuratieren sie je eine Ausstellung und eine Publikation in der Reihe «Protagonisten der Schweizer Wohnkultur».

www.designunddesign.ch
www.hansbellmann.ch

 

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